Literarisches
Literarische Miniaturen
Der ansteckende Retter – Eine Überlebensstrategie
Das Gesicht verzieht sich. Der Mund öffnet sich. Seine Winkel wollen jene der Augen küssen. Der Brustkorb bebt. Der Bauch krampft sich zusammen. Die Hände versuchen ihn zu halten. Ein schneller Rhythmus treibt Luft in kurzen Stößen aus der Lunge. In gewissen Abständen wird geräuschvoll nach Nachschub geschnappt. Ab und an entfährt dem Mund dabei ein langgezogener Ton, während der Kopf weit in den Nacken geworfen wird.
Man könnte meinen, es handele sich hierbei um die Beschreibung eines schweren asthmatischen Anfalls oder sonst einer pathologischen Abnormalität, dabei ist es schlicht die physische Skizzierung eines Lachanfalls. Zugegeben, der Lachanfall ist nun auch die Extremform des Lachens, die am meisten Kontrollverlust mit sich bringt.
80 Muskeln – 17 davon allein im Gesicht – ziehen sich zusammen und entspannen sich in einem sportlichen Tempo. So haben, ungelogen, 20 Sekunden Lachen den gleichen Effekt wie 3 Minuten Rudern, also zähl‘ ich ab jetzt jede pointenreiche Kabarettsendung als Workout. Doch Lachen hat viele Facetten. Je nach Situation ein anderes Gesicht und eine andere Funktion.
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Die Stimmung kippt. Worte fliegen wie Messer durch den Raum, zerschneiden die dicke Luft. Jagen einander von Wand zu Wand. Bis es ertönt. Ein Lachen. Kein höhnisches, kein hämisches – nein einfach ein Lachen über die Absurdität dieses Streits. Es klingt durch den Raum, entfaltet seine Wirkung, lässt die Messer schmelzen, und nach und nach fallen alle mit ein.
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Mein Körper bebt. Nicht vor Lachen, sondern vor Schluchzen. Tränen fließen über mein Gesicht, durchnässen deinen Schal. Sanft hebst du meinen gesunkenen Kopf auf und sagst: die richtigen Worte. Das abgeebbte Beben wird wieder stärker, doch diesmal nicht vor Schluchzen, sondern vor Lachen. Erlösend lässt es mich den Schmerz für ein paar Momente vergessen. Lässt mich zur Seite treten, aus meinem Schmerz heraus, ins Lachen hinein. Lockert alle Verspannungen. Dreht meinen Blick um 180 Grad.
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Unsere Augen strahlen, strahlen sich an. Du sagst oder machst etwas und entlockst meinem Mund ein helles Lachen. Ein Lachen, das ich nur von früher kenne. Ein Lachen so rein, so jung, so wahrhaftig. So wie ich dachte, nie mehr sein zu können. Mein Lachen lockt nun wiederum dein Lachen hervor, und sie begegnen sich als Klangwellen im schmalen Raum zwischen unseren leuchtenden Gesichtern.
März 2018 erschienen in der 22. Ausgabe der zwoelf, der Hochschulzeitung der HfMT Hamburg
Ins Blaue hinein
Ich sehe rot.
Und mir wird schwarz vor Augen.
Trotz der vollen, nimmersatten To-Do-Liste gebe ich mir grünes Licht, einen Tag blau zu machen.
Endlich einen Tag ausbrechen und das tun, wonach alles in mir dürstet: einer kleinen Auszeit.
Einfach ins Blaue fahren, nicht wissen wohin und erst anhalten, wo der Himmel wieder blau ist.
Ich trete in die Pedale und trällere ausgelassen ein Kinderlied:
„Blau, blau, blau sind alle meine Kleider. Blau, blau, blau …“
Mein innerer Kritiker mit seinem ansozialisierten Leistungsethos kann das nicht gutheißen und unterbricht mich harsch: „Du Tagediebin du! Du hast doch kein blaues Blut in den Adern. Zurück an die Arbeit! Ansonsten wirst auch du noch dein blaues Wunder erleben!“
Meine Vorsicht mahnt ebenfalls an: „Ist das nicht etwas blauäugig, einfach so ohne Plan loszufahren?“
Meine Angst pflichtet ihr bei: „Genau! Was, wenn dir etwas passiert und du nachher an jemanden gerätst, der total blau ist und dich grün und blau schlägt?!“
Meine Zuversicht versucht alle drei zu beruhigen: „Ach, bislang sind wir immer mit einem blauen Auge davongekommen.“
Meine Erfahrung meldet sich daraufhin brüsk zu Wort: „Lüg doch nicht das Blaue vom Himmel herunter!“
Meine Hoffnung hat sich indes meine Fantasie geschnappt und gemeinsam malen sie mir träumerisch aus: „Hör nicht auf die Spießer, wir fahren einfach an die See, setzen uns an den Strand und schauen auf den Horizont, wo sich Meeresblau und Himmelblau aneinanderschmiegen und der Wind unsere Sorgen mit sich davonträgt …“
„Oder wir fliegen auf den Mond und gucken aus dem All auf unseren blauen Planeten.“, träumt meine Fantasie weiter.
Meine Ratio verdreht die Augen und sagt nüchtern: „Nun macht mir hier keinen blauen Dunst vor, deine Sorgen warten dann spätestens zuhause auf dich. Vermutlich zusammen mit einem blauen Brief.“
Ich lasse meine Gedanken Gedanken sein und sich munter weiterstreiten, schalte meinen Kopf auf Stumm und singe fröhlich und befreit weiter:
„Blau, blau, blau ist alles, was ich hab. Darum lieb ich alles, was so blau ist …“
Oktober 2018 erschienen in der 23. Ausgabe der zwoelf, der Hochschulzeitung der HfMT Hamburg
Nächste Station: Frieden
Es ist ein sonniger Donnerstag, Anfang Mai.
Ich sitze im Metronom von Göttingen nach Hamburg und schaue aus dem Fenster.
Der Raps blüht und lässt riesige Quadrate im sonst grünen Flickenteppich in leuchtendem Gelb erstrahlen.
Ich höre: „Nächste Station: Frieden.“
Ich muss traurig schmunzeln.
If only...
Erstaunt blicke ich auf.
Diese Station hätte mir doch vorher schon auffallen müssen.
Auf der Anzeige steht: Freden.
Man hört eben, was man hören will.
Mein Blick fällt auf meine wiederentdeckte Lektüre: Erich-Maria Remarques Im Westen nichts Neues liegt neben mir und hätte auch lieber „Frieden“ gehört.
Die auenlandgleiche Landschaft fliegt vorbei. Zirruswolken sprenkeln den blassblauen Frühsommerhimmel mit ihrem zarten Weiß wie eine Spitzendecke.
Zwei Schienen trennen sich, gehen ihrer Wege.
An einer Fabrik flattern die Europaflagge und die Deutschlandfahne mit dem Niedersachsen-Wappen im Wind.
Ein rotes Auto vor Fachwerkhäusern.
Birken lassen ihre filigranen Blätterketten tanzen.
Ein Mädchen in Banteln trägt bauchfrei und fächert sich Luft zu.
Riesige Fliederbüsche säumen hellviolett die Schienen.
Es wird schon merklich flacher – Hannover kann nicht mehr weit sein.
Lo que hay es lo que ves.
Vier Schienen führen aufeinander zu.
Meine Beine sind kalt.
Eine majestätische Eiche am Schienenrand.
Zäune aus frischem Holz.
Wieder lila Flieder.
Noch mehr Birken.
Rentner radeln in kurzen Hosen über Feldwege.
Eine kleine Brücke führt über einen Bach.
Bei Nordstemmen prangt ein Walt Disney-reifes Schlösschen malerisch und märchenhaft an einem bewaldeten Hügel.
Ein Güterzug saust vorbei.
Die Ampel zeigt Orange.
Aus einem hohen Fabrikschornstein steigt schmutziger Rauch in die warme Luft.
Kastanien zeigen stolz ihre Blütenkerzen.
Eine Betonbrücke über einem See.
Mein Magen maunzt. Ich hole meinen Tomate Mozzarella Brötchen heraus.
Buntes Graffito an der Häuserwand: „El tiempo corre.“
„BOLD BOLD“ steht fett an den Lärmschutzwänden, kurz bevor wir durch Hannover Messe / Laatzen fahren.
Dreimal Schwarz-Rot-Gold weht auf einer Mülldeponie zwischen den hohen Schrottbergen.
Mein Blick verdüstert sich.
„Metallrecycling“ verkünden verblassende Buchstaben aus dem letzten Jahrhundert.
Wir passieren kurz vor Hannover den Edeka-Center Wucherpfennig.
Diese ganze Strecke wie ein schlechter Scherz.
„Members only“ schrieb einer, auf der anderen Seite „MOSES“ in Versalien.
Hannover Hauptbahnhof.
Wackelige Senioren und voll bepackte Sportler schieben sich an einer Klasse mit Abipullis vorbei. Mir schräg gegenüber im Vierer liest ein Mädchen in Grün Kästners Fabian.
Spontane Sympathie lässt mich in mich hineinlächeln.
Ich fühle mich etwas weniger alleine.
Remarque und Kästner grüßen sich.
Eine Freundin der Grünen beißt in einen Trockenobstriegel.
Eine dritte in ausgewaschener roten Leinenhose komplettiert die Mädelsrunde und wirft das kompakte Programm der diesjährigen Kulturellen Landpartie auf den Tisch.
Ihr wird eine Aspirin gereicht, die sie direkt mit einem großen Schluck Wasser herunterstürzt.
Als ich noch überlege, ob ich fragen soll, ob ich mal ins Programm schauen könnte, verlassen sie plötzlich alle sturzartig mit Packungen von Taschentüchern aus der Apotheke ihre Plätze, lassen all ihr Gepäck zurück – weit offene Taschen, iPhone auf dem Tisch.
So viel Urvertrauen hätte ich auch gern.
Das Mädchen gegenüber in der Oversize-Jeansjacke ist wieder eingenickt – völlig übermüdet, aber perfekt geschminkte knallrote Lippen.
„Sehr geehrte Fahrgäste, aufgrund einer Zugkreuzung wird sich unsere Weiterfahrt um einige Minuten verzögern.“
Wir stehen irgendwo im Nirgendwo zwischen Hannover und Celle.
Fabian hat die Leserin gewechselt, die Grüne liest jetzt das KLP-Programm.
Mich überfällt eine bleierne Müdigkeit. Ich muss mich dringend irgendwo anlehnen. Das erste Kapitel von Im Westen nichts Neues endet mit den Zeilen:
„Wir sind alle nicht mehr als zwanzig Jahre. Aber jung? Jugend?
Das ist lange her. Wir sind alte Leute.“
Die Worte Hallen laut in mir nach.
Ich muss an Mahmouds Augen denken.
Diese wunderschönen grün-braunen Augen, die faszinierenderweise meinen eigenen so sehr ähneln: innen um die Pupille Karamell, umgeben von Grün, außen ein dunklerer Ring.
Diese magischen Augen, die so mitreißend strahlen können, die aufleuchten, wenn er über Musik spricht oder unsere Blicke sich treffen.
Diese Augen, die aber auch zu bodenlosen schwarzen Löchern werden können, wenn die dunklen Schatten der Erinnerung aus der Tiefe aufsteigen.
Ich kann es kaum ertragen, was seine Augen reflektieren, doch weiß ich, ist es nur ein blasser Abglanz dessen, was sie wirklich sahen.
Ich kann – und will – mich aber auch nicht losreißen, ihn nicht alleine lassen mit diesen Erinnerungen aus Dunkelheit.
Die Bodenlosigkeit in seinen Augen ist ebenso mitreißend wie deren Leuchtkraft.
Ich muss all meine Kraft zusammenhalten, um ihn halten zu können und nicht selbst ins Schwarze zu fallen.
Ich muss daran denken, dass er über drei Jahre jünger ist als ich, ich mich neben ihm aber oft wie ein 17-jähriges Mädchen fühle, dass eine Beziehung mit einem deutlich reiferen Mann führt. Goldgelbe Ginsterbüsche glänzen am Schienenwall.
Mahmouds Seele muss sehr alt sein.
„Nicht mehr als zwanzig Jahre. Aber jung?“
Die Satzfragmente drehen weiter ihre Runden in meinem Kopf, meinem Herz.
Ich muss an Bassam und Nidal denken, die gerade erst 20 geworden sind, an Soumaya – gerade 21 – und was sie alles schon sehen und erleben, durchleben, ertragen mussten.
Ganz zu schweigen von Sanaa mit ihren 9 Jahren – Vollwaisin seit mindestens vier Jahren, Krieg, Terror, Flucht, Asyl.
Draußen leuchtet die Landschaft in saftigem Grün in der Maisonne.
Aber in mir hängen dunkle Wolken, die mir den Magen umdrehen.
Der saure Geschmack halbverdauter Tomate auf der Zunge.
Mein Herz atmet schwer.
Umsteigen in Uelzen.
Eine dicke Wand aus schwüler Hitze schlägt mir beim Aussteigen entgegen.
Der Bahnsteig ist überfüllt, ich laufe zu seinem Ende, blicke in die Ferne.
Der Sommer flimmert über den Gleisen.
Ich singe Per Un Tros De Cel mit Gerard Quintana und ziehe meine Leggings aus.
Der Metronom nach Hamburg fährt ein.
Der Zug wird ebenso voll.
Eine große Jugendreisegruppe sucht Plätze zusammen.
Es wird unruhig.
Wir streifen fast die riesenhaften überdimensionalen Kübel von Nordzucker.
Die Jungs schräg gegenüber informieren sich über die Parteienverteilung des „neuen“ Kabinetts, als wäre es gestern erst aufgestellt worden.
Die Schaffnerin mahnt an das strikte Alkoholverbot.
Die Sonne ist hinter den Wolken verschwunden.
Er ruft an.
Wir werden uns nicht auf dem Weg sehen.
Ich bin extrem enttäuscht.
Ärger mich, dass ich nicht einen Zug später genommen habe.
Vermisse ihn und bin umso enttäuschter.
Und fragiler.
Statt das zu sagen, werde ich bissig.
Das Gespräch kippt, die Verbindung bricht immer wieder ab.
Ist sie nun unterbrochen oder hat er aus Ärger aufgelegt?
Ich weiß es nicht.
Hoffe ersteres.
Ich werde wahnsinnig, weil ich ihn nicht zurückrufen kann ohne Guthaben.
Und er ruft auch nicht noch mal an.
Na, super gemacht, sehr reif, sehr erwachsen.
Die Antizipation, dass ich nun du doof dastehen werde und dazu ja auch noch kaum ein Wort verstehen werde, nagt an mir.
Tränen fließen mir in die Augen.
Tränen der Enttäuschung, ihn noch weniger als gedacht sehen zu werden, noch weniger Zeit und vor allem noch weniger seine Aufmerksamkeit zu bekommen.
Tränen der Scham über mich, dass ich in die gleichen emotionalen Fallen tappe, die ich ihm vorgeworfen habe.
Ich spüre das Universum schmunzeln und höre sein: „Siehste mal..“
Tränen der Fragilität, dass ich eigentlich nur in seine Arme fallen möchte.
Tränen des Ärgers über mich selbst, dass ich einen Streit angezettelt habe, statt die kurze Zeit am Telefon für Schöneres zu nutzen, wie ihn nach dem gestrigen Konzert zu fragen.
Shuffle spielt Hasta siempre, Comandante vom Barcelona Gipsy Klezmer Orchestra.
Our song...
Er liebt das Lied, nur diese Version nicht.
Und er ruft einfach nicht nochmal an.
Meine Stirnfalte wird zur Furche.
Meine Mutter ruft auch nicht nochmal an.
Ich habe mich erfolgreich ins Abseits manövriert.
Neue Tränen kribbeln schon in der Nase.
Mai 2018