Polemisches
Essays & Kolumnen
Vom Licht zarter Töne
Die Zeiten werden wieder dunkler. Nicht nur Jahreszeit, sondern auch Zeitgeschichte, Weltzeit und Zeitgeist verdüstern sich bedrohlich. Gefühlskalte Despoten und narzistische Psychopathen sitzen an den Schalthebeln der Macht – einer unberechenbarer als der andere.
Die kurzen Momente, in denen ich es wage, der Lage der Welt ungeschönt ins Auge zu sehen, vermag ich kaum zu ertragen. Doch weggucken geht auch nicht – nicht mehr. Angesichts der sich ausbreitenden Grausamkeit starre ich mit schreckgeweiteten Augen die Welt an. Sie schaut zurück – aus ihrem Blick schreit unbändiger Schmerz und verzehrende Verzweiflung.
Doch in lähmender Erstarrung zu verharren, hilft ihr und uns auch nicht. Nur woher Kraft und Mut und Zuversicht schöpfen, um den Kampf gegen die gefühlt übermächtigen Windmühlen aufzunehmen, um trotz allem seinen eigenen kleinen, aber unverzichtbaren Teil beizutragen, das Rad in die andere Richtung zu drehen?
Suchend blicke ich mich bei diesen sich weiter und weiter verfinsternden Aussichten nach einem Licht um. Keinem grellen und blendenden. Keinem weißen und klinischen. Keiner aufdringlichen Neonreklame. Keiner überfrachteten, im Sekundentakt die Farbe wechselnden Weihnachtsbeleuchtung.
Sondern nach einer warmen Flamme, die die verschatteten Gesichter schimmernd erhellt.
Einem zarten Feuer, das die erkalteten Gemüter sanft erwärmt.
Ein Licht kann auch ein Ton sein.
Ein schimmernder Ton, der die verschlossenen Gesichter warm sich öffnen lässt.
Eine sanfte Melodie, die die verhärteten Gemüter zärtlich entgleiten lässt.
Zart und pur, leise und unaufdringlich beginnt Weckers Klavier als scheue Solistin das Lied. So harmlos diese ersten Töne auch scheinen mögen, ihr heller, zärtlicher Klang schlüpft mühelos durch die feinen Spalten unserer Alltagspanzer, vermag bis tief ins erschütterte Innere zu klingen und leuchtet bis in die dunkelsten Ecken.
So bahnen die Töne den Weg für die weisen wachrüttelnden Worte Lothar Zenettis, dessen Gedicht Konstantin Wecker mit diesem Lied eine Vertonung schenkt.
Denn ein Licht kann auch ein Wort sein.
Ein winziges Wort, das die fast erloschene Hoffnung zart wieder aufglimmen lässt.
Ein simpler Satz, der dem Gefühl der Ohnmacht sanft, aber bestimmt neuen Mut entgegensetzt.
Zwischen Musik und Wort klingt und schwingt Weckers Stimme – diese bewegend bewegte Stimme. In jedem einzelnen Ton liegt so viel wahrhaftiges Gefühl und ernstgemeinter, aus dem Herzen kommender Appell. Obwohl Konstantin Wecker nun alles andere als meine Generation ist – sondern vielmehr der Lieblingsmusiker meiner Mutter und Großmutter – musste, konnte, durfte ich beim genaueren Hinhören erkennen, wie viel Anlass ihre Verehrung hat. Er ist ein Meister des ausgesprochen heiklen Drahtseilaktes, tiefe Emotionalität zu zeigen, ohne pathetisch zu werden. Besonders dieses Lied besticht durch seine kunstvolle Schlichtheit und seine eindringliche Wahrhaftigkeit.
Ein Lied für mehr Rückrad und Zivilcourage. Ein Anstoß, zu lernen, sich selbst treu zu sein und seinem innersten Gespür für das Richtige zu vertrauen. Für den Mut, im Zweifel alleine da zu stehen – mit seiner Meinung, Kritik oder Handlung, seinem Glauben oder seiner zärtlichen Geste der Menschlichkeit.
Ursprünglich erschienen als Musik-Kolumne im Feuilleton der Gorleben Rundschau -
der Zeitung der Bürgerinititiative für Umweltschutz Lüchow-Dannenberg
als "Gedanken zum Song":
Was keiner wagt
Was keiner wagt, das sollt ihr wagen
Was keiner sagt, das sagt heraus
Was keiner denkt, das wagt zu denken
Was keiner anfängt, das führt aus
Wenn keiner ja sagt, sollt ihr’s sagen
Wenn keiner nein sagt, sagt doch nein
Wenn alle zweifeln, wagt zu glauben
Wenn alle mittun, steht allein
Wo alle loben, habt Bedenken
Wo alle spotten, spottet nicht
Wenn alle geizen, wagt zu schenken
Wo alles dunkel ist, macht Licht
Wo alle geizen, wagt zu schenken
Wo alles dunkel ist, macht Licht
MUSIK: Konstantin Wecker
TEXT: Lothar Zenetti
Entdeckt auf Konstantin Weckers aktuellen Album Poesie und Widerstand (2017),
erstmalig erschienen auf Zugaben (2008).
Ein Virus - Ein Planet - Einladung zum Perspektivwechsel
Winzig klein und doch so mächtig ist es, dieses Virus, das derzeit unsere Welt in Aufruhr versetzt.
Versuchen wir ein kleines Gedankenexperiment:
Stellen wir uns einmal vor, alle Probleme, die in dieser Welt auftauchen, sind in Wahrheit Herausforderungen, die uns die Möglichkeit geben, über uns selbst hinauszuwachsen – wenn wir uns denn dazu entscheiden, sie anzunehmen. Und stellen wir uns weiter vor, alle unangenehmen Gefühle wie Sorgen, Angst, Wut tragen eine versteckte Botschaft unter ihrem unansehnlichen Gewand, die sich jedoch nur zeigt, wenn sie hereingebeten werden und wir ihnen wirklich zuhören. Nach einer – zugegebenermaßen oft schmerzhaften Weile –, wenn sie sich gesehen, gehört und angenommen fühlen, nehmen sie ihren Mantel ab und offenbaren ihr wahres Gesicht und ihre ihnen innewohnende Botschaft für uns.
Welche Herausforderung könnte also im Coronavirus stecken und welche Botschaft könnte es mit sich, in sich tragen?
Was, wenn es uns herausfordert, zu erkennen, dass wir die Herausforderungen dieser Welt nur alle gemeinsam lösen können?
Es ist dieselbe Luft, die wir atmen, die wir mit allen Lebewesen teilen.
Es ist dieselbe Erde, auf der wir stehen, die uns Leben und Nahrung schenkt.
Es ist dasselbe Wasser, das unseren Durst stillt und unsere Zellen versorgt.
Es ist dasselbe Feuer, dass uns wärmt und unsere Herzen entfacht.
Dieselbe Sonne, die über uns strahlt oder brennt, die alles erblühen oder verdorren lässt.
Derselbe Mond, der unsere Nächte erhellt – nur von verschiedenen Seiten – und unsere Zyklen und Gezeiten bestimmt.
Es sind dieselben Sterne, die über uns leuchten – nur teils umgedreht – und deren Funkeln sich in unseren Augen spiegelt.
Und ist es nicht das, wofür Kunst da ist – Funken der Göttlichkeit, Liebe und Inspiration zu versprühen, um Herzen wieder zu entfachen und Augen zum Funkeln, Leuchten und Strahlen zu bringen?
Spiegeln die Bretter, die die Welt bedeuten, nicht eben jene wider – aber eben aus einer neuen Sichtweise, um einen Perspektivwechsel anzuregen?
In leicht redigierter Form erschienen im Frühjahr 2020 in der Ausgabe 26 der zwoelf -
Hochschulzeitung der HfMT Hamburg
Essays
Die eigentliche Revolution
Die eigentliche Revolution im Denken ist, dass wir eben nicht unsere Gedanken sind. Descartes Irrtum in allen Ehren, doch das Gegenteil von gut ist gut gemeint. „Ich denke, also bin ich“ war gestern. Seht, wo uns die Rationalisierung allen Seins hingetrieben hat, die Welt ist so perfektioniert und optimiert durchtrieben, dass sie ohne Betäubung durch Serien, Drogen und andere Ablenkungen kaum zu ertragen ist.
Die eigentliche Revolution ist, dass wir so unendlich viel mehr sind als unsere Gedanken, unser Kopf, ja selbst unsere Gefühle. Auch wenn „Ich fühle, also bin ich“ schon näher dran ist, denn wir sind nicht gekommen, um zu bleiben und zu grübeln – wir sind gekommen, um zu fühlen – um zu erfahren, zu erleben, uns zu erkennen, das Leben zu (er)spüren. Doch wir sind dennoch auch nicht unsere Gefühle. Unsere Emotionen bilden zwar den kostbaren Kompass unseres Lebensweges, während unsere Ratio uns dabei helfen soll, ihn zu gehen. Betonung auf Helfen, „der Verstand ist ein wunderbarer Diener, aber ausgesprochen schlechter Herrscher“.
Die eigentliche Revolution ist, dass wir weder unsere Gedanken noch unsere Gefühle sind, sondern das dahinterliegende, darüberschwebende Bewusstsein, das diese wahrnehmen und sich auch von ihnen distanzieren kann.
„You can 't fix the world , if all you have is a hammer .“ (Frank Turner )
Die eigentliche Revolution ist, dass die Lösung für alle Probleme, die Antwort auf alle Fragen eine ist: Liebe. Denn wie Einstein schon erkannte: „Probleme kann man niemals mit derselben Denkweise lösen, durch die sie entstanden sind.“ Nichts Kaputtes kann repariert werden mit dem, was es zerstörte.
Wir können etwas Zerbrochenes nicht mit einem Hammer zusammenkleben, wir brauchen einen Kleber: Liebe.
Wir können Zerrissenes nicht mit der Schere flicken, wir brauchen Nadel und Faden: Liebe.
Wir können einen Brand nicht mit Feuer löschen, sondern mit Wasser: Liebe.
Wir können Dunkelheit nicht mit Schatten erhellen, sondern mit Licht: Liebe.
Wir können unsere Wunden nicht mit Messern heilen, wir brauchen Pflaster, Verbände, Jod, Zeit und vor allem: Liebe.
Wir können unseren inneren Schmerz nicht mit noch mehr Verletzungen lindern, sondern nur mit Tee, Tränen, Zeit und: Liebe.
Wir können Kriege nicht durch Kriege beenden, sondern nur durch Frieden: Liebe.
Gewalt kann nicht die Antwort auf Gewalt sein. Denn Gewalt produziert immer neue Gewalt. Eigentlich müsste das selbst unserem Verstand einleuchten, dass Auge um Auge die Welt erblinden lässt, statt dass wir das verletzte Auge verbinden und heilen lassen.
Wir brauchen nicht mehr zu kämpfen – gegen die Welt, das Leben, gegen uns selbst.
Wir können aufhören zu kämpfen und endlich wieder anfangen zu lieben. Es ist Zeit, uns endlich wieder daran zu erinnern, wer wir wirklich sind.
Wir selbst sind Nadel und Faden, Wasser und Verband.
Wohin wir unsere Aufmerksamkeit, unseren Fokus lenken, das wächst, davon entsteht mehr. Also nähren wir doch lieber das Gute, Großartige, Strahlende in uns und um uns, ohne jedoch die Schatten und Missstände zu leugnen oder zu vertuschen. Werfen wir Licht auf sie, so verblassen sie. Sie wollen gesehen werden, um Stück für Stück behoben zu werden. Denn „Die Welt wird nicht bedroht von den Menschen, die böse sind, sondern von denen, die das Böse zulassen“ (Einstein). So gibt es auch laut Kästner „nichts Gutes, außer: Man tut es.“ Wir selbst sind Nadel und Faden, Wasser und Verband, um zu flicken, zu löschen, zu verbinden und zu heilen – wir sind das Licht, das hierher kam, da es sich selbst erst in der Dunkelheit erkennen kann.
Das Gegenteil von Liebe ist nicht Hass, sondern Gleichgültigkeit.
Doch der Gegenpol von Liebe ist Angst.
Aus Angst entsteht Hass.
Aus Angst entsteht alles, was der Liebe entgegensteht, ihr widerspricht.
Angst sucht sich viele Masken – aus Angst, erkannt zu werden.
Die Angst, nicht genug zu bekommen, verkleidet sich als Gier, Habsucht und Egoismus.
Die Angst, nicht wichtig genug zu sein, maskiert sich mit Egozentrismus.
Die Angst, nicht gesehen zu werden, verbirgt sich hinter Narzissmus und Neid.
Die Angst, nicht gut genug zu sein, kostümiert sich als Perfektionismus und Stolz.
Die Angst, nicht gehört zu werden, verhüllt sich hinter Ignoranz und Arroganz.
Die Angst vor Verlust tarnt sich mit Eifersucht.
Die Angst vor Gewalt versucht, sich durch Gewalt zu schützen.
Die Angst vor Machtverlust rüstet mit erbarmungsloser Gewalt auf.
Die Angst, nicht geliebt zu werden, versteckt sich meist gleich hinter vielen Maskeraden, denn sie ist die größte, die tiefste aller Ängste... Die, die letztendlich auch allen anderen zugrundeliegt.
Doch wenn wir einer maskierten Form von Angst mit Angst begegnen, wird sie nur noch größer und sucht sich womöglich eine noch furchterregendere, schrecklichere Maske – bis hin zu Zerstörungswut, Hass und Grausamkeit.
"All you need is love"
Die eigentliche Revolution ist, dass Mangel nicht mit Gier und Habsucht gestillt werden kann, sondern mit Fülle, also: Liebe.
Wenn wir glauben, uns mangele es an etwas, schauen wir lieber, was wir geben können.
Wenn wir etwas wollen, meinen, dass wir es brauchen, schauen wir uns doch erst einmal um, was wir schon alles haben. Lasst uns eintauchen in die Dankbarkeit für die uns umhüllende und durchfließende Fülle. Liebe durchströmt uns und wir erkennen: Wir sind schon längst erfüllt.
Das Wissen um diese Wahrheit ist eigentlich bekannt. Mehr oder weniger verschlüsselt und poetisiert wartet sie in Liedern, Gedichten und Geschichten, Kunstwerken, Büchern, Redewendungen und
Sprichwörtern auf uns – ruft uns zu sich, dass wir sie erinnern. Denn in Wahrheit liegt diese Weisheit auch in uns allen, nur meist tief verborgen unter all dem Krempel und Ballast aus blockierenden Glaubenssätzen und eingetrichterten Denkmustern, den wir über die Jahre unserer Sozialisierung daraufgehäuft haben. Denn eigentlich wissen wir es selbst: Ganz tief in uns schlummert diese essentielle Weisheit und wartet sehnlichst darauf, geweckt zu werden, aufwachen zu dürfen, uns aufwecken zu können. Alles, wonach wir im Außen suchen, liegt in uns – bereit, sich zu entfalten, aufzublühen und in voller Pracht zu strahlen.
Unsere Seelen und Herzen wissen es sowieso, aber jetzt kann ihnen auch ruhig unser Verstand glauben, denn mittlerweile ist es sogar ausreichend wissenschaftlich bewiesen: Wir brauchen Liebe wie nichts anderes. Neugeborene sterben ohne Liebe und Zärtlichkeit. In liebevoller Umgebung genesen wir schneller. Mit Liebe Gebackenes und Gekochtes schmeckt köstlicher, vertragen wir besser. Blumen gedeihen schöner, wenn wir ihnen liebevoll zureden. Ja, selbst Wasser ändert seine Struktur.
So ist die eigentliche, die wahre Revolution unserer Zeit die tiefe Erkenntnis, das Erinnern vielmehr, dass der Schlüssel zum Glück, zur Fülle, zum Frieden und zur Herrlichkeit in uns selbst liegt. Die Beatles haben dieser – vielleicht der tiefsten aller Erkenntnisse einen ihrer schönsten und berühmtesten Songs geschenkt, der in seiner Titelinversion endet:
„Love is all you need“
Wenn Sie den hier gekürzten Essay in voller Länge und im zauberhaften Original-Print-Layout der Ausgabe 25 der zwoelf, der Hochschulzeitung der HfMT Hamburg lesen möchten, einfach hier klicken..
Explore. Dream. Discover.
In diesen poetischen Dreiklang, diesen lebenshungrigen Appell mündet ein überaus geflügelter Aphorismus, der meist fälschlicherweise Mark Twain zugeschrieben wird. Aber letztlich ist es auch ganz egal, aus wessen Feder diese Weisheit floss, die einen ermutigt, das Leben anzulachen, die Angst über Bord zu werfen und voller Neugier seinen Träumen entgegen zu segeln:
Twenty years from now you will be more disappointed by the things you didn’t do than by the ones you did do. So cut off your bowlines. Sail away from the safe harbour. Catch the trade winds in your sails. Explore. Dream. Discover.
Die Redaktion der zwoelf hat sich in dieser Ausgabe getraut, die Segel zu hissen, um die verworrenen Spuren unserer Träume zu erkunden, uns in wundersame Wunschwelten zu träumen und uns selbst in surrealen Sphären unverhofft neu zu entdecken. Und wir haben mit Menschen gesprochen, die ihren Traum leben und ihre Berufung zum Beruf gemacht haben.
Oktober 2017 erschienen als Teaser für die 21. Ausgabe der zwoelf, der Hochschulzeitung der HfMT Hamburg