Poetisches
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Gedichte
i n s s c h w a r z e g e t r o f f e n ?
wenn wir nur noch schwarz sehen
oder vom weiß geblendet sind
im dunkeln oder im licht stehen
macht uns doch nur beides blind
wenn wir alles schwarz malen
nur noch streben nach zahlen
höchstens dumpf schunkeln
tappen wir nur weiter im dunkeln
wenn wir uns gegenseitig den schwarzen peter zuschieben
nur schuld und hass anstatt zu vertrauen und zu lieben
werden wir zu schatten unserer selbst
doch
welch dunkelheit uns auch umgibt
welch gifte unser herz zerfressen
wir können
wir dürfen sie nicht vergessen
unsere schwarze milch der frühe
wenn wir bei nacht nicht schlafen oder küssen
sondern peinigen raffen oder schießen
wenn die dunkelziffern immer höher steigen
und die vorbilder sich zu ende neigen
lasst uns selber solche sein
und bilden einen lichterreigen
lasst uns aufhören
uns zu beschatten
und zu verhören
denn wenn man die schatten
die wir hatten
beleuchtet
fällt licht darauf
ein licht geht uns auf
und der schatten
den wir hatten
löst sich auf
und ist
erleuchtet
und erkennt
die welt ist nicht schwarz und weiß
sie schillert und flimmert
kalt bis heiß
in allen lichtfacetten
ungeahnter farbpaletten
lasst uns sein das schwarze schaf
oder noch besser das bunte bei bedarf
in allen farben funkeln wir selbst im schlaf
lasst uns über unsern schatten springen
und die nacht zum tage machen
musizieren tanzen spielen und singen
jubilieren lachen im vielklang schwingen!
wenn wir statt aufzugeben oder weiter uns zu zoffen
ein herz uns nehmen und aus diesem begeistert hoffen
und aufbauen eine gemeinschaft aus friedlichen stoffen
frei und großzügig liebevoll und weltoffen
dann erst haben wir
i n s s c h w a r z e g e t r o f f e n
2019 erschienen in der zwoelf, der Hochschulzeitung der HfMT Hamburg, Ausgabe 24.
(Es kann sein, dass durch verschiedene Displaygrößen sich das bedeutungsrelevanteTextlayout verschiebt, hier findet Ihr es im tollen Original-Print-Layout der zwoelf, Grafik: USR Design, Foto: Christina Körte)
am ufer meines bewusstseins
ich sitze
still
am ufer meines bewusstseins
und
warte
warte
und
schaue
schaue
was die wellen anspülen
erst
kleine dinge
krimskrams
den ich vor kurzem
unachtsam
ins wasser geworfen
kleinerer ballast der letzten tage und wochen
alte rechnungen
vergessene überweisungsträger
ungelesene mahnungen
versäumte kündigungen
unsortierte kontoauszüge
ein wust
aus alltagssorgen
und krisenkolleteralschäden
sammelt sich in der brandung
ich spüre frust aufkommen
frust gegenüber diesem system
aus nicht endenwollener bürokratie
frust gegenüber mir selbst
dass ich daran scheitere
ich versuche
mich davon nicht einfangen zu lassen
lege alles auf einen stapel
und schaue
wieder aufs wasser
schaue
und
warte
warte
was nun kommt
eine weile nichts
die leichte brandung umspielt nur sanft die steine am ufer
dann
kündigt sich eine
einzelne
etwas größere welle
in der ferne an
die gischt überschlägt sich
wütend
verletzt
enttäuscht
schäumend spuckt sie
sieben dicht beschriebene seiten an den strand
ich schlucke
sammele aber dennoch
die zerrupften blätter mit der akkuraten handschrift ein
und lege sie
ohne sie noch einmal zu lesen
auf einen anderen stapel
als mein blick sich wieder nach vorne richtet
bleibt er an einem papier hängen
das sich in einer muschel verfangen hat
es ist eine alte eintrittskarte
eine eintrittskarte aus einer anderen zeit
eine eintrittskarte aus einem anderen leben
einem leben zu zweit
die buchstaben
der name einer niedersächsischen kleinstadt
zeichnen ein bittersüßes erinnerungsgemälde
das sich ausdehnt
immer länger
sich um mein herz schlingt
immer enger
meine gütigen hände entreißen
meinem blick
das erinnerungsträchtige stück
papier
und legen es
nicht ohne sanftheit
nicht ohne es
einmal noch
wehmütig zu liebkosen
doch dann bestimmt
auf den Stapel hinter mich
der erinnerungsstrang löst sich
mein herz atmet ebenso auf
ich werde wieder still
schaue wieder aufs wasser
schaue
und
warte
warte
und
schaue
mein blick
verliert sich
zwischen den schaumkronen
mein ohr
wiegt sich
im rauschen der brandung
gedankenlüfte wehen vorbei
ohne eine spur in mir zu hinterlassen
um mich herum
wird es ganz still
in mir drin
wird es ganz still
mein blick
blickt ohne
wirklich zu blicken
so
sitze ich nun da
am ufer meines bewusstseins
in der stille
in mich selbst
versunken
so
sitze ich nun
eine ganze zeit
dann
ändert sich etwas
zunächst
nicht zu erkennen
zunächst
nicht zu benennen
die oberfläche scheint so ruhig wie vorhin
doch etwas ist anders
die luft scheint still zu stehen
das beruhigende rauschen der brandung
ist verklungen
nichts bewegt sich
absolut nichts
es hat nichts mehr mit der vorherigen ruhe gemein
diese stille ist unheimlich
diese stille schreit
diese stille ist ein unhörbarer schrei
ich ziehe meine knie ein
stehe vorsichtshalber auf
um gewappnet zu sein
auf was auch immer
denn eines steht fest
etwas
steht bevor
und das schreien der stille
verheißt nichts gutes
und da
sehe ich etwas
am horizont
einen kleinen kreisel
einen kleinen dunklen kreisel
er dreht sich aufs ufer zu
auf mich zu
er kommt näher
und nun
höre ich auch sein tosen
der kreisel nimmt an fahrt
auf
und den ganzen himmel
ein
das klare blau
weicht
einem dunklen grau
die luft
geht mit regen schwanger
eine schwarze
nasse
wand
bewegt sich auf mich zu
alles
in mir
drängt zur flucht
doch ich weiß
ich hätte keine chance
die wand würde nur
noch
mehr fahrt aufnehmen können
nur noch zerstörerischer werden
es gibt nur einen weg
dieser überwältigenden welle zu begegnen
sich ihr tapfer entgegenzustellen
mehr noch
sich ihr entgegenzuwerfen
sich ihr für einen ganz kurzen
moment zu überlassen
auch wenn es unendlich schwerfällt
auch wenn die angst unendlich groß ist
denn laufe ich vor ihr weg
verfolgt sie mich
ist mir stets auf den fersen
wird mit jedem meiner schritte
unheilvoller
gigantischer
sammelt kraft
zerstörungspotenzial
es hilft wirklich nur eins
durch sie hindurchzutauchen
sich ihr für einen angstvollen
und schmerzhaften moment
anzuvertrauen
die kontrolle zu verlieren
zu taumeln
nicht mehr zu wissen
wo oben
noch unten
aushalten zu müssen
es kaum
aushalten zu können
vor angst
vor kontrollverlust
vor schmerz
doch dann
lässt der strudel plötzlich nach
du wirst an die oberfläche katapultiert
schnappst nach atem
gewinnst an orientierung
die wolken lockern sich
ein paar zarte sonnenstrahlen bringen
die schaumkronen um dich zum glitzern
und es ist mit einem mal vorbei
fast schneller als es gekommen ist
viel schneller als gedacht
---
während ich dies denke
türmt sich das kreiselungeheuer
immer höher und breiter auf
ich kann mich kaum noch auf den füßen halten
kaum noch einen meiner gedanken zu fassen bekommen
geschweigedenn verstehen
dieses wissen
diese erfahrung gibt kraft
doch kann sie die angst nicht ganz beruhigen
denn vielleicht ist es diesmal
dieses eine mal
anders
und es ist nicht
nach dem durchtauchen vorbei
sondern ich gehe unter
und werde von der welle verschluckt
die wellen haben mittlerweile
den strand eingenommen
klatschen erbarmungslos
an die felsen
und meine beine
noch
könnte ich laufen
noch
könnte ich der wand den rücken kehren
und versuchen zu entkommen
doch die aussicht
mein leben lang
vor dieser wellenwand davonzulaufen
nie innehalten zu können
um es zu genießen
gibt mir den nötigen ruck
den antrieb
den ansporn
zu springen
ich springe
in die höhe
werfe meine arme
in den himmel
küsse die luft
lande auf festen füßen
feder kurz ab
und stürze mich
in die bedrohlichen fluten
tränenregen im atlantik
regen
nicht enden scheinender
regen
gnadenlose
gewässerschwaden
peitschen ihnen ins gesicht
verzweifelt tapfer versuchen
sie den heimtückischen
böen zu trotzen
ein trüber
schimmer
legt sich
auf
leuchtende
kinderaugen
die sich in
beunruhigender
tiefe
verlieren
ungesehene tränen
fließen in die spree
ungeweinte tränen
fließen in die elbe
tränenregen fällt in den atlantik
regentränen im atlantik
tränensalz frisst
wunden
in die küste
wunden
in die wangen
unsichtbare
wunden
kindliches lachen
weicht
schüttelndem schluchzen
kleine körper
beben
zittern
unter der betondecke
die sie zudeckt
noch zarte
beine strampeln
hilflos
statt süße
schmiegt sich
bitterer
geschmack
an die zunge
kriecht
in den rachen
und sammelt
sich dort
zu einem
kloß
eine flucht ins grüne
flucht auf die grüne insel
der atlantik
zwischen
uns
und dem rest europas
der atlantik
zwischen
uns
und unseren heimathäfen
doch
kein wasser
der welt
kann die verbindung zur
eigenen geschichte
kappen
denn diese
geschichte
tragen wir
immer
bei uns
egal
wohin
wir auch fliehen mögen
---
unendliches grün
graue ungerade steinlinien
durchschneiden
das land
in grüne quadrate
mit schmutzig weißen
tupfern
traurige häuser
säumen
die eine
verbindungsstraße
zwischen den
zwei
unsehenswerten dörfern
eine
einsame
stimme
klettert zu den regenbogen
hundefreude
tröstet nur
unzureichend
das schreiende herz
unschuldige füße
tummeln sich
auf einem trampolin
fliegen
nichtsahnend
in die höhe
keine
böse ahnung
trübt
ihren schwung
welch
tiefen fall
welch
tiefen schmerz
der
bevorstehende
winter
bringen wird
plötzlich
bricht
ein
sonnenstrahl
durch die düstere
wolkendecke
und weckt
mit warmem lachen
die verschütteten
lebensgeister