Prosaisches
Reportagen & Portraits
Reportagen
Der enthöhlte Kern - Von Frustration und Inspiration
Studierendenreportage für die zwoelf - die Hochschulzeitung der HfMT Hamburg
Während wir das Thema dieser Ausgabe dem 70-jährigen Jubiläum der HfMT widmen, wohnt ihr ein zweiter, unfreiwilliger Fokus inne. Ein Schwer-Punkt, der schwer wiegt, uns schwer zu schaffen macht und sich in alle Bereiche unserer Leben drängte – so auch auf die Seiten und zwischen die Zeilen dieser Zeitung. Während wir also einerseits einen reflektierenden – teils kritischen, teils nostalgischen – Blick zurück in den Werdegang der Hochschule werfen, befinden wir uns aktuell selbst an einem historischen Wendepunkt. Covid-19 stellt fast alles Bekannte auf den Kopf und legt jahrhundertelang gewachsene Strukturen lahm. Nie zuvor in der Geschichte der Menschheit seit Entstehung von Musik und Theater und den korrespondierenden Institutionen kam es vor, das jede Bühne auf der Welt leer, jeder Konzertsaal still blieb. Jede Art von Konzerten und Aufführungen: Abgesagt. Durchgetaktete Terminkalender, die auf einen Schlag oder Mail für Mail leerradiert wurden. Wir hätten getrost die vollgeschriebenen Monatsseiten März bis Juni herausreißen können.
Nach der anfänglichen Schockstarre, der großen Verunsicherung und flächendeckenden Ungewissheit im Lockdown begann am 20. April 2020 – drei Wochen später als normal – das Sommersemester. Auch sonst war nichts normal. Denn jeglicher Unterricht war ausschließlich digital möglich. Also mussten alle umdenken. Leider musste auch die gespannt erwartete Sommeroper mit dem Wagner-Wagnis ans Rheingold vorerst ausfallen bzw. verschoben werden sowie alle Aufführungen der Studierenden von Studienprojekten bis zu Abschlusskonzerten und -inszenierungen. Dementsprechend hat die Pandemie samt der Maßnahmen auch jeden individuellen Alltag umgeworfen. Deshalb habe ich für diese Reportage – angelehnt an die Zahl des Jubiläums – mit sieben Studierenden gesprochen, um ein paar mehr Stimmen zu Wort kommen zu lassen und zu fragen, wie es ihnen in und mit diesem außergewöhnlichen Semester ergangen ist.
Oktober 2020 erschienen in der 27. Ausgabe der zwoelf, der Hochschulzeitung der HfMT Hamburg.
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Betriebsausflug
Landluft fürs Betriebsklima
Es beginnt mit einem ersten großen Hallo auf dem Bahnsteig, wo sich ein Teil des Kollegiums entdeckt und zusammenfindet, um gemeinsam den Biohof zu suchen. Die Morgensonne blitzt durch das Blättergrün, als bürogewöhnte Lungen sich mit frischer Landluft füllen und neu atmen lernen. Wenig später stehen wir schon auf „unserem“ Acker. Metallspitzen lockern ihn auf, während eifrige Hände begierig buddeln – bis sie auf das nahrhafte Gold stoßen. Verheißungsvoll leuchtet das saftige Gelb aus der dunklen Erde. Jede noch so winzige Kartoffel wird enthusiastisch begrüßt. Eimer um Eimer füllt sich. Mit jedem Fundstück wird das Strahlen in den Augen der Buddelnden funkelnder, unser Lächeln breiter. Stolz und selig ziehen wir mit unserer Ernte zurück zum Hof. Nun ist Sortieren, Waschen, Schnibbeln, Reiben und Braten angesagt. Die andere Hälfte der Belegschaft darf den Hofkreislauf kennenlernen und stößt dazu. Bei solch meditativen Handgriffen und danach am Tisch zwischen Rohkost und Kräuterquark entspinnen sich wie von selbst Gespräche mit vertrauten oder noch unbekannten Kolleginnen und Kollegen. Als dann die ersehnten Reibekuchen vor uns oder schon in unseren Mägen liegen, spricht einer es aus: „Selten konnten wir so direkt die Früchte unserer Arbeit genießen."
Dieser Bericht entstand 2019 für die Ausgabe 25 der zwoelf, der Hochschulzeitung der HfMT Hamburg:
Portaits
Angetastete Träume
Drei Menschen, drei Gespräche, drei Traumwelten.
Von moderierenden Seiltänzerinnen, steppenden Bäuerinnen und musizierenden Astronomen.
Von den Bühnen der Welt, dieser einen Sache, die einen komplett fordert.
Von Tiefgang, Transzendenz, Balance und Einklang.
Von Gummistiefeln, weißem Haar und Star Wars.
Von verträumter Realität, vererbten Träumen und zu schützender Fiktion.
Von kindlichem Fantasiereichtum und erwachsener Traumarmut.
An der meine drei Interviewpartner jedoch – ein Glück – nicht leiden.
Ran an die Tasten und – Jazz it up!
Clara treffe ich direkt vor der Hochschule, wir schlendern die Milchstraße hinab ans Alsterufer und wählen eine Bank mit unverstelltem, zum Träumen einladenden Panoramablick für unser Interview aus. Clara Haberkamp hat ihren Master Komposition mit Schwerpunkt Jazzkomposition fast abgeschlossen. Doch lange bevor sie am Jazz-Institut Berlin ihren Bachelor in Jazzklavier absolvierte, will die 1989 geborene Sauerländerin als Kind zunächst Seiltänzerin, dann Moderatorin, später Schauspielerin werden. Gleichzeitig ist die Musik einfach immer da – als wesentlicher und nicht wegzudenkender Bestandteil ihres Lebens: „Und dann hab ich mich ans Klavier gesetzt und irgendwie einfach drauf losgespielt, darüber, dass ich das wirklich machen wollte, hab ich mir eigentlich nie Gedanken gemacht.“ Da ihre Eltern ebenfalls Musiker sind – beide Saxophonisten – fördern sie Claras musikalischen Ambitionen: „Das war dann klar, dass ich das mache.“ Und das macht sie dann auch. Und zwar ziemlich gut und ziemlich erfolgreich. Denn sie ist schon jetzt eine hochgeschätzte Jazzpianistin mit drei verschiedenen Projekten – samt Nominierung und Auftritt mit ihrem Trio SASKYA beim letzten Echo Jazz.
Tiefgang ohne Pokerface
Welcher Traum sie antreibt und beflügelt: „Leute berühren mit Musik. Musik, die mich bewegt und dann auch andere bewegt – mit Tiefgang.“ Ihre Intonation setzt das letzte Wort in gefettete Großbuchstaben. Claras sonstige Sanftheit weicht plötzlich einer feurigen Energie von Ärger und Erregung: „Was ich total anstrengend finde, ist dieses Pokerface.“ Dabei wird deutlich, wie wichtig es für sie ist, so sein zu dürfen, wie sie ist, ohne dass es ihr madig gemacht wird. „Sich in eine Richtung entwickeln zu können, die nicht vorgegeben ist, sondern die man selber gerne möchte.“ Clara blickt nun nachdenklich, suchend auf und über die Außenalster: „Was ich mir für mich wünsche, ist, mit dem Beruf, mit meinen Träumen entspannter zu sein, nicht alles sofort zu wollen.“ Aber dennoch einen Schritt weiter gehen zu können, ohne vom Businessdenken der Musikindustrie instrumentalisiert zu werden. „Mein innigster Wunsch, ist es, dass ich zurückkomme, warum ich das eigentlich wollte – Musik machen, einfach um der Musik willen.“ Wie kräftezehrend das Künstlerleben allerdings sein kann, ist ihr schon jetzt bewusst, denn: „immer in sich wühlen ist super anstrengend. Ein normales Leben führen und trotzdem keine Kompromisse machen – in der Kunst, in der Ehrlichkeit...“ Ein heikler Drahtseilakt – da hilft es natürlich, wenn in ihr die kleine Seiltänzerin balanciert.
Gummistiefel für Musikerkinder
Als Ausgleich hat Clara einen Lehrauftrag, bei dem sie Schulmusiker in die Kunst der Improvisation einführt. „So ein bisschen was Sicheres zu haben, wär schon gut – in einem Bereich, in dem ich nicht ständig meine ganze Phantasie umkrempeln muss. Das ist der Traum, der jetzt greifbar ist.“ Mit einem Blick über die Segel hinweg: „Ein größerer Traum ist natürlich, auf den Bühnen dieser Welt zu spielen.“ Ihr Blick kehrt zurück in den Moment: „Aber auch glücklich sein, ist noch ein viel viel größerer Traum.“ Ein auskömmliches Leben führen zu können. „Ich brauch jetzt keine Villa, aber dass ich auch – wenn ich dann Familie hab – sagen kann: Du kriegst jetzt die neuen Gummistiefel für deine Klassenfahrt.“ Das wollen wir doch sehr hoffen, dass der zukünftige Haberkampsche Nachwuchs keine nassen Füße bekommen muss.
Vom Suchen und Sehnen
Ortswechsel: Ein Wohnzimmer in Hamburg St. Pauli. Mit einem caféreifen Cappuccino sitze ich Alicia auf ihrer gemütlichen Oldschoolcouch gegenüber. Zwischen uns ein Tisch voller Leckereien. Die Gastgeberkünste meiner zweiten Interviewpartnerin sind in jedem Fall ein Traum. Worin ihr Lebenstraum besteht, ist jedoch weniger eindeutig als bei Clara. Zwar kommt auch Alicia aus einer reinen Musikerfamilie: Mutter Flötistin, Vater Schulmusiker, die Geschwister studieren beide Geige. Ihr erster Berufswunsch jedoch bricht aus dem künstlerischen Feld aus – aufs tatsächliche Feld: Sie sitzt in Freiburg am Fenster, hört den Vögeln zu und träumt davon, als Bäuerin Kühe zu melken – will im kindlichen Eifer sogar Agrarwissenschaften studieren. Doch es soll anders kommen – die Künste haben und sind nicht aufgegeben. Die Musik umgibt auch sie, ist allgegenwärtig. Das Klavier wird auch ihr Instrument, und beeindruckenderweise steppt sie sich mit ihren Geschwistern gar bis zur Bundesmeisterin im Stepptanz 2008.
Alicia Geugelin studiert mittlerweile jedoch weder Tanz noch Klavier, sondern Musiktheaterregie. Wie es dazu kam, ist eine lange Geschichte – eine lange Suche voller Sehnsucht: „Ich hab mich immer danach gesehnt, etwas zu finden, was mich ganz erfüllt, was mich 100 Prozent fordert. Wo ich nicht denk: Oh, irgendwo wartet was Tolleres auf mich. Das hatte ich im Musikstudium.“ So kann sich die vielseitig Interessierte und Begabte nie richtig darauf einlassen. Zudem treibt ihr extremes Lampenfieber sie an ihre Grenzen: „Ich hab das immer gesucht – das Extreme – und gleichzeitig hat es mich total fertig gemacht.“ Schweren Herzens beschließt Alicia, diesen Traum loszulassen: „Diese Angst – ich dachte, mit 25 hab ich komplett weißes Haar von dem ganzen Stress.“
Von den Tasten zu den Brettern, die die Welt bedeuten
Ihre Suche führt Alicia mit Abstechern wie eine Schauspielaufnahmeprüfung über ein abgeschlossenes Schulmusikstudium in Mannheim an die Heidelberger Oper als Regieassistentin: „Das hat mich angefixt. Da hatte ich plötzlich das Gefühl, dass in der Musiktheaterregie sehr viel zusammenkommt, was ich kann und liebe: mit Gruppen arbeiten, mit Chören, Sängern – Musik, aber auch Schauspiel – kreativ sein.“
Alicia wählt eine treffende wie amüsante Analogie für das Finden ihrer Berufung: Wie bei einem Datingportal habe der Studiengang Musiktheaterregie möglichst viele Übereinstimmungen mit ihren Interessen, Talenten und Kompetenzen. „Im Laufe der Jahre hab ich dann entdeckt, dass dieses Berufsfeld tatsächlich das ist, was mich bisher am meisten in meinem Leben – (sucht nach einem Wort) auffrisst. (lacht) Ich hab das Gefühl: theoretisch hab ich alle Möglichkeiten. Wenn sich der richtige Weg ergibt, dann sind da keine Grenzen. Gleichzeitig macht mir genau das wahrscheinlich Angst und – da ist auch ein großer Druck.“
Vom Einklang mit sich
Oh ja, dieser Druck grenzenloser Leidenschaft... Darüber sinnierend blicken wir beide aus dem Fenster – vor dem es plötzlich regnet, während die Sonne jedoch nach wie vor den Raum flutet. Es scheint sich tatsächlich eine einzige dicke graue Wolke über Alicias Haus zu entladen. Leider kein Regenbogen zu sehen – der schwebt vermutlich über uns. Fasziniert und inspiriert von diesem kleinen feinen Naturschauspiel fließen die Sätze sehnsüchtig aus Alicia heraus: „Ich träum davon, in Einklang mit mir zu kommen, mich zu versöhnen mit meinen vergangenen Sehnsüchten, mit denen, die ich nicht ausleben konnte, weil es zu viele waren.“
Bewegt von diesem weisen Wunsch schaue ich auf die Milchschaumbläschen, die im Licht glitzern wie winzige Seifenblasen. „Und vor allem träum ich davon, meine Gegenwart genießen zu können, also im Hier und Jetzt sein zu können. Ich renn immer entweder hinter was her oder vor was weg. Aus Angst, was zu verpassen, was nicht gelebt zu haben, meinen Traum nicht zu erkennen.“ Deshalb wünscht sie sich, im Alter sagen zu können, dass sich alles gelohnt habe – dass alles sinnvoll gewesen sei. Zudem bleibt die Sehnsucht, immer etwas tun zu können, was ihr Spaß mache. „Und dass ich das finde!“ So mündet Alicias langes Suchen doch noch in einem Finden.
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